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Gastbeitrag: Mitglied in einem Club, in dem niemand sein möchte

Eine Fehlgeburt, auch (spontaner) Abort genannt, bedeutet, dass eine Schwangerschaft vorzeitig endet. Das Baby bzw. der Embryo zu dieser Zeit wiegt weniger als 500 Gramm. Die Ärzte unterscheiden zwischen einem Frühabort (bis zur 12. SSW) und einem Spätabort (etwa bis zur 22 SSW).

Lange habe ich im Internet nach einer guten Statistik gesucht die aufzeigt, wie viele Frauen von einer Fehlgeburt betroffen sind. Ohne Erfolg. 

Viele bemerken erst gar nicht, dass sie Schwanger sind und eine stille Geburt erleben.

Viele Frauen, reden nicht darüber.

Viele Mütter schämen sich dafür.

Viele Menschen sind betroffen.

Einen Erfahrungsbericht, der unter die Haut geht, möchte ich dir nicht vorenthalten:

Ich habe ein Baby verloren und somit bin ich Mitglied, Mitglied in einem Club in den Niemand rein möchte. In dem viel zu viele Eltern sind. Manche sprechen darüber, manche sind heimlich Mitglied. Aber uns alle verbindet die Angst und der Schmerz. Der Schmerz wird im Laufe der Zeit anders, erträglicher… und die Fragen kommen auf. 

Wie wäre das Leben mit diesem Kind gewesen? 

Hätte ich etwas anders machen können? 

Wieso hat mein Körper dieses Kind nicht beschützt?


Je früher du dein Kind verloren hast, umso weniger Trauer wird dir zugestanden. Die, die mit dir mittrauern hören irgendwann damit auf. Sie ahnen nicht das uns dieser Schmerz nie verlässt, können Sie auch nicht, denn wenn Sie Glück haben, müssen Sie das nie ertragen.

Rückblick September 2019

Samstagabend: mein Sohn und ich sind alleine zu Hause. Wir genießen die Ruhe und die Zeit zu zweit. Wir befinden uns mitten im Umzug haben unsere alte Heimat verlassen – wir sind über 200km weggezogen. Es ist kein kompletter Neuanfang, denn irgendwie fühlt es sich mehr an wie nach Hause kommen. Wir ziehen wieder an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin. An den Ort wo wir immer noch Familie und Freunde haben.
Wir können unser neues Haus noch nicht beziehen und bewohnen vorübergehend eine Etage im Haus meiner Eltern. Trotz Liebe und Dankbarkeit ist diese Zeit für alle anstrengend. Für alle ein Kompromiss. Unser Inventar ist verteilt und wir fiebern dem Einzug entgegen.
Es ist stressig, viel Organisation, Planung, Ängste, Ungewissheit und mein Mann arbeitet direkt wieder auf seiner neuen Stelle.

Trotzdem sind wir glücklich! Wir sind generell sehr dankbare Menschen und dieses neue Haus, die neue Stelle und einfach wir – wir als Familie – das ist der Sechser im Lotto! Mit Superzahl!
Und dann unser kleines Geheimnis, noch jemand, der mit uns umzieht… Ich habe da noch jemanden aus Südhessen mitgebracht. Jemanden unter meinem Herzen. Unser Gummibärbaby! So haben wir dich immer genannt. Auf einem der ersten Bilder von dir sahst du aus wie ein Gummibärchen.

Samstagabend alle waren unterwegs und J und ich haben das Haus für uns. Ich habe ihn in die Badewanne gesetzt. Unsere Stimmung war richtig gut. Ich fand es schön, dass wir für uns waren. Während J ausgelassen und gut gelaunt planschte, lies ich meine Gedanken schweifen. Bald könnte ich allen Freunden offiziell von der Schwangerschaft erzählen. Dieses Mal wussten es zwar schon ein paar Leute, nicht weil ich weniger besorgt gewesen wäre, sondern einfach weil die Familie ja jetzt vor Ort war, wir mitten im Umzug steckten und ich auch dieses Mal nicht von der Übelkeit verschont geblieben war.
Ich dachte schon darüber nach, wie ich es nächste Woche meinen Freunden in Südhessen erzählen könnte. Ich war ja jetzt schließlich schon in der elften Woche…

Nach dem Baden haben J und ich uns zusammen ins Bett gekuschelt, ein Buch gelesen und ich habe ihn dann rüber in sein Bett gebracht. Die Nacht war ruhig. Ich schlief ohne Beschwerden, bis das Babyphone am Sonntag so gegen halb neun an ging.

Mein Mann, der in der Nacht Heim kam, ging nach nebenan und ich blieb einen Moment liegen und merkte dann das irgendwas aus mir raus lief. An Blut dachte ich überhaupt nicht, denn in der Schwangerschaft ist es ja nicht so ungewöhnlich das da eben mal ein bisschen Ausfluss kommt. Ich habe mir also nichts Schlimmes gedacht und bin auf Toilette gegangen.

Das Blut habe ich dann sofort gesehen. Mein erster Gedanke: Das ist frisches Blut, in der elften Schwangerschaftswoche frisches Blut, es ist vorbei…

Keine Hoffnung. Keine Ausreden im Kopf gesucht, nur immer dieser Gedanke: DAS IST FRISCHES BLUT.

Ich habe versucht mich zusammen zu reißen. Irgendwie ruhig zu meinem Mann zu gehen, der ja J auf dem Arm hatte. Den kleinen Mann wollte ich auf keinen Fall erschrecken. So ruhig wie möglich habe ich gesagt „Ich blute, wir müssen ins Krankenhaus“. Ich habe mich umgezogen und diese Worte ziemlich genau nochmal so zu meiner Mutter gesagt. Dabei konnte ich die Tränen schon nicht mehr aufhalten… 

Mein Mann und ich fuhren los. J blieb bei meiner Mama, ohne uns… Das erste Mal ohne Mama und Papa. Er war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ohne einen von uns. Dadurch das wir ja in Südhessen keine Familie vor Ort hatten, war das vorher auch gar nicht möglich. Er weinte als wir losfuhren. Es hat mir das Herz zerrissen.

Ich blute. Ich verliere mein ungeborenes Baby und muss mein weinendes Baby hier zurücklassen.

Ich rief meine Schwägerin an, die zu J fahren sollte. Ich wusste meine Mama machte sich große Sorgen um mich und hatte dann den weinenden J bei sich. Ich hätte einfach alles dafür getan das ich wusste das es wenigstens J gut geht.

Am Telefon fielen mir die Worte wieder unglaublich schwer „Ich blute, wir müssen ins Krankenhaus. Kannst du kommen und auf J aufpassen?“. Zum Glück musste ich nicht mehr sagen.

Wir fuhren ins nächste Krankenhaus. Es wäre nie das Krankenhaus meiner Wahl gewesen, aber ich wollte einfach das Nächste. Ich wollte, dass alles schnell vorbei ist… Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Hoffnung. Obwohl ich rational weiß, dass eine Blutung viele Gründe haben kann. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass alles gut werden würde…

In der Notaufnahme waren wir die Einzigen, trotzdem mussten wir warten. Bei der Aufnahme wurde ich nach meiner Religionszugehörigkeit gefragt. Ich weiß noch, wie wütend mich diese Frage machte. Die Frau machte nur ihren Job, aber es machte mich wütend!

Es machte mich wütend, dass wir warten mussten, weil der Diensthabende Gynäkologe von zu Hause von seinem Sonntagmorgenfrühstück mit seiner Familie kam!

Es machte mich wütend, dass auch er erstmal nur mit mir sprach, redete und redete anstatt mich zu untersuchen.

Es machte mich wütend das er dann schallte und schallte und sagte ich solle die Luft anhalten und ruhig liegen, am liebsten hätte ich ihn angeschrien das er auch dann nichts finden würde!

Meine Augen hefteten sich an den Bildschirm, aber auch mit ruhig liegen und Luft anhalten ist da kein Herzschlag mehr zu sehen. Und dann seine Worte „Ja, der hat es jetzt wohl nicht geschafft“

Es überraschte mich nicht. Die Tränen liefen sowieso schon, aber auch dieser Satz machte mich wütend! Es klang so nebensächlich und in meinen Ohren hallte nur nach – nicht geschafft, hat es nicht geschafft…– Als hätte es Schuld.

Hätte es nicht geschafft. Nicht zu uns gewollt, wäre zu schwach…. nicht geschafft….

Es hallte immer noch nach, während er noch sagte „Es tut mir leid, lassen sie sich für Montag einen Termin zur Ausschabung geben“.

Ähhhh nein! Das behalte ich! Ziemlich kindischer Gedanke, aber das war das Erste was ich dachte…

Wir fuhren nach Hause und während der Fahrzeit wusste ich schon, dass es J zu Hause gut ging und er nicht mehr weinte. Das half mir.
Nach der Diagnose schrieb ich nicht mehr. Den restlichen Tag verkroch ich mich ins Bett und wusste nur, dass ich dieses Baby am Montag nicht würde aus mir rausholen lassen. Dieser Gedanke tröstete mich ein wenig. Die Blutung hatte schnell wieder aufgehört. Es war als wollte mir mein Körper nur Bescheid geben -Da stimmt was nicht, lass das mal abklären. Jetzt weißt du Bescheid was los ist. Keine Blutungen mehr, keine Schmerzen, kein Ziehen, nichts mehr…-

Am Montag konnte ich direkt zu meiner Gynäkologin und sie sagte mir, dass ich nicht zwangsläufig eine Ausschabung bräuchte. Allerdings muss man das auf Grund der Blutwerte engmaschig kontrollieren, damit es im Körper nicht zu einer Entzündung kommt.

Ich wollte einfach nur das mein Baby selbst entscheiden kann! Den Zeitpunkt selbst entscheiden kann, wann es gehen will…..

An diesem Abend bekam ich Wehen. Ich verkroch mich alleine ins Badezimmer. Ich hatte bei J keine Wehen gehabt und war vollkommen überrascht. Ich dachte, es würde weh tun, aber es war mehr als das, es war mehr als ich erwartet hatte… Während den Wehenpause dachte ich nur immer wieder das will ich nie wieder erleben!

Ich verabschiedete mich nicht nur von meinem Baby, sondern auch von dem Gedanken, jemals wieder ein zweites Kind zu bekommen. Ich dachte andauernd, dass ich das nie wieder erleben will! Nie wieder!

Ich bereute auch meine Entscheidung gegen eine Ausschabung und so brachte ich in dieser Nacht mein Kind auf die Welt, während mein anderes Kind eine Tür weiter friedlich schlief…

Ich habe ziemlich viele Schmerzmittel genommen. Mir tat alles weh. Irgendwann schlief ich ein. Am nächsten Morgen waren die Schmerzen wieder da – aber kein Kind.

Wieso hatte ich noch solche Schmerzen?

Ich hatte mich die ganze Nacht gequält. War froh das es vorbei war und mein Kind selbst bestimmt gehen konnte.

Wieso hörten diese Schmerzen nicht auf?

Es sollte doch jetzt vorbei sein! Ich nahm mehr und mehr Schmerzmittel. Mein Mann rief meine Ärztin an und die schickte mich sofort in die Klinik. Sie hatte mittlerweile auch meine Blutwerte erhalten. Meine Entzündungswerte waren ebenfalls deutlich erhöht.
Sie kündigte mich dort an und ich musste nur ganz kurz warten. Es war eine gynäkologische Tagesklinik und ich stand im Wartebereich mit denselben Sachen, die ich in der Nacht getragen hatte.

Ich sah weder so aus, noch fühlte ich mich wie ich selbst. Es sollte einfach aufhören!
Ich hatte noch ein Aufklärungsgespräch und kam in den Operationssaal. Dort wurden die Reste der Plazenta entfernt. Der Embryo war, komplett, letzte Nacht abgegangen.

Ich wachte auf und die Schmerzen waren weg.
Im Aufwachbereich lagen noch zwei weitere Frauen. Eine der Beiden berichtete, dass es bereits ihre dritte Fehlgeburt war und sie schon zwei ältere Kinder hat. Ich fragte mich im Stillen wieso man sich sowas immer wieder antut? Heute kenne ich die Antwort.

Die Tage, Wochen, Monate nach der Fehlgeburt waren schlimm. Sehr schlimm. Die schlimmste Zeit meines Lebens und ich kann nicht sagen ab welchem Zeitpunkt es besser ? anders wurde…

In derselben Woche in der ich damals die Fehlgeburt hatte, genau ein Jahr später, bin ich wieder schwanger geworden… Das Baby hat von uns keinen Spitznamen bekommen.

Ich denke trotzdem immer noch fast täglich an unser Gummibärbaby.
Nächsten Monat wärst du 1 Jahr alt geworden.

Ich kann dir sagen, du bist nicht allein. 

Viele Frauen können deine Gedanken nachvollziehen.

Viele Mütter leiden auch Jahre später noch an ihrer Fehlgeburt.

Viele wissen nicht, mit wem sie reden können.

 Ich danke dir von Herzen für deinen herzzerreißenden Bericht und wünsche dir alle Glück der Welt für eure Drittes Wunder.

Pexels-Foto

Bei https://www.profamilia.de/ gibt es eine Beratungsstelle, die beim Verarbeiten deines Verlustes helfen kann.

Auch für Freundinnen, Partner und Verwandte, die mit dem Thema Fehlgeburt in Berührung kommen, kann ich die Seite von Familienplanung.de empfehlen. 

Kuss auf die Nuss, deine

Unterschrift_Fuchsliebende

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FuchsLiebende

+Muttertier einer Füchsin +Thüringerin lebt in Südhessen +26 Jahre jung + Nähverrückt mit einer ausgeprägten Bastelleidenschaft

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